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Hiier gaan we weer E-mail

OK , weer eentje voor de volhouders. Mijn bron is weer die Zeit, het Duitse kwaliteitsweekblad. Ik neem het artikel in z'n integraliteit over. Het is echt noodzakelijk dat we hier in België de nieuwe golf van kritisch denken die Europa overpoelt, niet missen. Inzicht is belangrijk. Dit artikel kan daarbij helpen.

 

 

Wider den Kapitalismus

Die Suche nach Alternativen zur Marktwirtschaft hat Konjunktur. Was wollen die Systemgegner?

Aus unerfindlichen Gründen bleibt das Arbeitsamt geschlossen. Vor den Türen versammelt sich eine Menschenmenge. Arbeitslose aus allen Schichten: eine russische Einwanderin, ein Professor, eine junge Hauptschülerin. Sie warten, werden ungeduldig, sie schimpfen, streiten miteinander, dann beginnen sie gemeinsam zu protestieren. Lang aufgestauter Frust entlädt sich, und schließlich – werfen sie Brandsätze.

Das ist, bisher, nur Theater. In einer kahlen, dunklen Halle in Hamburg proben Darsteller des Deutschen Schauspielhauses für ein neues Stück. Es heißt Kritische Masse und soll im Februar uraufgeführt werden. Dafür wurde extra der Spielplan geändert. Denn das Schauspiel trifft nach Meinung der Theatermacher den Nerv der Zeit. Die Stimmung ist nicht vorweihnachtlich, sondern vorrevolutionär.

Ist das naiv? Maßlos übertrieben? Wunschdenken einiger Theaterleute?

Deutschland im Winter 2008. Das ist ein Land in einer Krise, die die meisten Menschen noch gar nicht zu spüren bekommen haben. Die deshalb außerhalb der Bühne noch keine Menschenaufläufe verursacht. Die aber ein ganzes Weltbild ins Wanken zu bringen scheint. Notenbanker und Nobelpreisträger sprechen von der gefährlichsten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg, von einem Kollaps der Finanzmärkte ist die Rede, einer Kernschmelze, die mit dem Einsatz unvorstellbarer Milliardensummen abgewendet werden müsse. Hundert Jahre alte Banken gehen unter, selbst Staaten droht der Bankrott. Das weltweite Wirtschaftssystem knirscht bedrohlich in seinen Fugen.

Deshalb hat die Systemfrage nicht nur in den Feuilletons und im Theater Konjunktur, auch in den Wirtschaftsspalten wird jetzt Platz gemacht für Grundsatzkritik. Serien zum »Kapitalismus in der Krise« (Süddeutsche Zeitung) werden aufgelegt, und auf einmal taucht selbst in Magazinen wie der Wirtschaftswoche das bärtige Konterfei des Urvaters aller Kapitalismuskritiker auf, des alten Karl Marx.

Deutschland im Winter 2008. Das ist eine gefühlte Vorkrisenzeit, in der sich zumindest ein Teil der Bürger die Frage stellt, ob etwas grundsätzlich faul ist im System. Ob es wirklich reicht, nur die Banken besser zu kontrollieren, Konjunkturprogramme aufzulegen und vielleicht den Hartz-IV-Regelsatz zu erhöhen. Braucht es nicht einen größeren Lösungsansatz, einen grundlegenderen Wandel? Es gibt Gruppen, die das schon seit Langem wollen. Haben sie jetzt großen Zulauf? Und welche Antworten können sie bieten?

 

TEIL 2

Hamburg, Raum 145 im Uni-Gebäude am Allende-Platz. Eine Gruppe von Studenten, Doktoranden und Schülern hört konzentriert zu, während ein junger Mann namens Gunnar den nächsten Absatz vorliest. »Die Verlängrung des Arbeitstags über die Grenzen des natürlichen Tags in die Nacht hinein«, rezitiert der Student, »stillt nur annähernd den Vampyrdurst nach lebendigem Arbeitsblut.« Die Arbeitskräfte, fährt er fort, würden »ausgesaugt« und »verspeist«. Drastische Worte. Dabei ist das Buch, aus dem er vorträgt, eher für die schwer zugängliche Analyse bekannt, die es auch enthält. Es ist ein 140 Jahre alter Wälzer, der in diesen Wochen ein erstaunliches Comeback feiert: Das Kapital von Marx.

Manche lesen jetzt lieber Marx, als dass sie zur Demo fahren

Die Gruppe, die sich jeden Mittwochabend in Raum 145 versammelt, gehört zu einem von sechs Lesekursen der Marxistischen Abendschule Hamburg, kurz Masch. Mehrere Dutzend ähnliche Zirkel wurden in den vergangenen Wochen in 30 deutschen Städten ins Leben gerufen. Teils auf die Initiative Einzelner hin, teils im Rahmen einer Kampagne, die der linke Studentenverband SDS organisiert hat. Das ist keine Massenbewegung, aber für kleinere Hörsäle reicht es. Das Kapital sei ausverkauft, meldete Ende November der Berliner Karl Dietz Verlag.

Bei der Masch in Hamburg wird Marx allerdings schon seit Jahren gelesen. »Ich bin auch nicht wegen der Krise hier«, sagt Gunnar, der mit seinem vollständigen Namen nicht in der Zeitung stehen möchte. »Ungerechtigkeit und Armut gab es vor der Krise doch auch schon.« Seit April besucht er seinen Lesekurs. Im vergangenen Jahr wollte der Physik-Doktorand eigentlich zu den Protesten beim G-8-Gipfel fahren. »Aber dann dachte ich, das ist doch nur Aktionismus. Lieber gehe ich hierher und versuche, Zusammenhänge zu verstehen.«

Wird Marx ihm und all den anderen neuen Kapital-Entdeckern dabei helfen? Einen Bauplan für ein alternatives Wirtschaftssystem dürfen sie jedenfalls nicht erwarten. Nicht bloß, weil moderne Wohlfahrtsstaaten wenig mit der Welt vor eineinhalb Jahrhunderten gemein haben – weshalb manche einst mit glühender Kampfbereitschaft erhobene Forderung heute eher befremdlich statt befreiend wirkt. Etwa Punkt acht im Kommunistischen Manifest: »Gleicher Arbeitszwang für alle, Errichtung industrieller Armeen, besonders für den Ackerbau«.

Noch schwerer wiegt, dass Marx eher ein großer Kritiker als ein großer Konstrukteur war. Der Kern seiner Zukunftsvorstellungen ist bekannt: Herrschaft der Arbeiterklasse, die »alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats« zentralisieren soll, schließlich die Abschaffung aller Klassengegensätze und eine Gesellschaft, in der jeder nach seinen Bedürfnissen lebt. Nur wie genau das alles funktionieren würde, dazu beschränkte er sich auf eher spärliche und nicht immer ganz eindeutige Hinweise.

TEIL 3

Deshalb tun sich auch die Kursleiter bei der Masch trotz jahrelanger Beschäftigung mit dem Kapital schwer mit der Frage, wie denn eine marxgerechte Wirtschaft heute aussehen würde. »Das Privateigentum müsste sicherlich abgeschafft sein«, lautet einer ihrer vorsichtigen Fingerzeige. »Eine Verstaatlichung der Fabriken wäre noch keine Vergesellschaftung im Sinne von Marx«, ein anderer.

Eines dürfte nach Erfahrung der Seminarleiter aber sicher sein: Die Kapital-Lesewelle wird bald wieder abebben. Denn die meisten Leser, das zeigt sich in allen Kursen, geben die Lektüre bald wieder auf. Meist schon während der ersten tausend Seiten. Dabei ist das bloß der Umfang des ersten von drei Bänden. So tief wollen dann doch die wenigsten in die Kapitalismuskritik eintauchen.

Dass es auch ganz anders geht, zeigen die Aktivisten von Attac. Sie verfolgen praktisch das Gegenmodell zur reinen Textarbeit. Die Globalisierungsgegner protestieren seit Jahren mit vielfältigen Aktionen gegen internationale Spekulanten und eine ungerechte Weltwirtschaftsordnung. Die Finanzkrise trifft genau ihr Thema, praktisch ihre Kernkompetenz. Bei ihnen müsste diese Rezession zum Aufschwung führen. Doch angesichts der dramatischen Erschütterungen in der Weltwirtschaft fällt der Zuspruch, den sie ernten, bescheiden aus. Von Januar bis Ende November zählte das Bündnis in Deutschland gerade mal 1251 neue Mitglieder. Im vergangenen Jahr traten dreimal so viele Neue ein. Der Zulauf wird also geringer, nicht größer. Bundesweit gehören nur 20250 Menschen zum Club. Greenpeace ist 30-mal so groß.

In der Öffentlichkeit erscheint Attac heute, trotz Finanzkrise, sogar weniger präsent als vor ein paar Jahren. Dafür gibt es viele Gründe. Einer dürfte sein, dass den Protestlern ein großer, gemeinsamer Gegenentwurf zu dem von ihnen kritisierten Wirtschaftsmodell fehlt. Einige Gruppen innerhalb des Aktionsbündnisses üben eher moderate Kritik am Markt und würden mit ihren Positionen ohne Weiteres in den Arbeitnehmerflügel der CDU passen. Andere setzen auf radikale Arbeitsumverteilung und die Einführung eines Grundeinkommens, wieder andere auf eine Art Ökokapitalismus oder auch auf marxistische Rezepte. Das Spektrum ist bunt. »Niemand«, heißt es in der Einladung zu einem großen Kongress des Bündnisses im März, habe »ein fertiges Programm zur Überwindung des Kapitalismus in der Tasche«. Es muss weiter diskutiert werden. Ein Attac-Modell der Wirtschaft gibt es bisher nicht.

Berlin, Franz-Mehring-Platz 1. Ein gigantischer Plattenbau, sieben Stockwerke hoch. »Deutschland« steht in riesigen Lettern auf dem Dach. Mit dem Zusatz »Neues« davor. Es ist das alte Verlagshaus der gleichnamigen Zeitung. Die wird immer noch hier produziert, beansprucht aber heute nur einen kleinen Teil des Gebäudes. Ein anderer wichtiger Mieter ist die Linkspartei. Genauer gesagt, ihr »sozialistischer Thinktank«, wie sich die parteinahe Rosa-Luxemburg-Stiftung selbst charakterisiert.

Wenn jemand in dieser Krise Grund hat, die Sektkorken knallen zu lassen, dann sind es sicher die Parteigänger von Gysi und Lafontaine. Haben sie nicht immer die Ideologie der freien Märkte und des Neoliberalismus gegeißelt, die jetzt für jedermann sichtbar die Welt an den Abgrund gebracht hat? An einem Freitagnachmittag haben sich zwei Dutzend Abgeordnete, Wissenschaftler und Aktivisten aus der linken Szene im ersten Stock des Plattenhochhauses versammelt, um die Lage zu analysieren. Kein Wort wird in dem kahlen Konferenzraum häufiger und mit mehr Verachtung ausgesprochen als das Adjektiv »neoliberal«. Doch man vermisst ein Triumphgefühl. »Die Krise«, berichten Teilnehmer stattdessen in der Kaffeepause, »hat unsere politische Arbeit nicht leichter, sondern schwieriger gemacht.«

TEIL 4

Judith Dellheim, Leiterin der Arbeitsgruppe Wirtschaftspolitik in der Linkspartei, erklärt das so: »Es wird bei uns jetzt nur noch in Extremen gedacht.« Zwei Lager gebe es in der Partei. »Die einen glauben, jetzt kommt endlich der Zusammenbruch des Kapitalismus, die anderen meinen, man müsse bloß zur Politik der alten westdeutschen Bundesrepublik zurück, und mit einem bisschen Keynesianismus wäre alles wieder in Ordnung.«

Die einen, das sind die Mitglieder der Kommunistischen Plattform und ihres westdeutschen Pendants, der »antikapitalistischen Linken«. Parteigruppierungen, die eine weitgehende Verstaatlichung der Wirtschaft wollen. Sahra Wagenknecht, ihre prominenteste Vertreterin, sagt zwar, eine völlige Abschaffung des privaten Produktiveigentums sei nicht nötig. Aber Konzerne und alle Branchen rund um die Daseinsvorsorge gehören nach ihrer Ansicht in die Obhut des Staates. In einem Buch, das sie zur Krise geschrieben hat (Wahnsinn mit Methode), widmet sie allerdings nur 4 von 254 Seiten dem ihrer Meinung nach überlegenen Wirtschaftsmodell.

»Die anderen« in der Linken, das sind eher sozialdemokratisch geprägte Parteigenossen um Oskar Lafontaine. Sie wollen im Grunde die alte SPD zurück. Also keine Abkehr vom Kapitalismus, sondern eher – viel bescheidener – die Rücknahme von Arbeitsmarktreformen, Rentenreformen und Privatisierungen.

Irgendwo zwischen diesen Lagern gibt es dann noch versprengte Querdenker wie Judith Dellheim. Ex-PDSler, die nach dem Zusammenbruch der DDR einen Weg zwischen den Systemen suchen. Ihr Entwurf dafür liegt bei der Konferenz in Berlin druckfrisch auf dem Tisch. Für eine neue Alternative lautet der Titel des Buches, das Dellheim mit einigen Mitstreitern verfasst hat. Das Ziel sei der »sozialökologische Umbau«, heißt es darin, »als neue Stufe der Vergesellschaftung«. Dahinter verberge sich aber kein fertiges Modell, sondern ein »fortwährender Such- und Transformationsprozess«. Immerhin, auch das gibt es offenbar in der Linkspartei: Leute, die nicht so tun, als hätten sie auf alles schon eine Antwort.

Dem Kapitalismus helfen oder seinen Untergang beschleunigen?

Die Krise wirft bei der Linkspartei ohnehin viele neue, alte Fragen auf. »Wenn ich sage, dass wir helfen müssen, den Verlust von Vermögen und Existenzen sozialverträglich abzumildern«, erzählt etwa Joachim Bischoff am Rand der Krisenkonferenz, »dann gibt es bei uns ein riesiges Aufjaulen.« Viele in der Partei, erzählt der Linksabgeordnete aus Hamburg, meinten, man würde so nur das System stützen. Ein uralter Streit. Schon in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stritten Sozialisten darum, ob man den Arzt am Krankenbett des Kapitalismus spielen dürfe. »Wer sagt uns aber«, begründet Bischoff seinen Standpunkt, »dass sich die Menschen in der Not uns zuwenden werden und nicht nach rechts außen abdriften?«

TEIL 5

Eine Wirtschaftslage, die massenhaft Menschen in die Arme der Rechtsextremen treibt? Davon kann bisher nicht die Rede sein. Aber auch Parteien wie die NPD versuchen aus der Krise Kapital zu schlagen. Deutschland müsse »weg vom globalistischen Teufelssystem«, fordert Holger Apfel, NPD-Fraktionschef im Sächsischen Landtag. Die Milliarden für die Banken seien keine Lösung, sondern ein »finanzpolitischer Reichstagsbrand«. Was man stattdessen brauche, sei ein »raumorientiertes Wirtschaftsmodell«. Mit einem nationalen Geld- und Kapitalkreislauf, der Wiedereinführung der D-Mark als nationaler Währung, einem staatlichen Bankwesen, sozial verpflichtetem Unternehmertum und Gesetzen gegen »ausländische Billigwaren« und »ausländische Lohndrücker«. Erst wenn alles wieder auf die heimische Bevölkerung ausgerichtet sei, könnte man nach Vorstellung der NPD von einer »echten Volkswirtschaft« reden.

Dass viele Menschen tatsächlich dieses Modell einer »völkischen« Wirtschaft für zukunftsweisend halten, ist schwer vorstellbar. Meldungen über einen besonderen Zulauf zur NPD gibt es bisher jedenfalls nicht.

Schon die linken oder politisch gar nicht zuzuordnenden Radikalansätze haben es schwer, ein größeres Publikum zu finden. Um manche Idee, wie etwa die des bedingungslosen Grundeinkommens, könnte es in wirtschaftlich schlechten Zeiten sogar noch stiller werden. Allen großen Gegenentwürfen fehlt heute ein reales Vorbild. Es gibt kein sozialistisches Vorzeigeland und keine sozialökologische Musterrepublik. Außerdem hat die Krise zwar unglaubliche Schwächen des Kapitalismus und des Marktes offenbart. Aber auch dramatisches Versagen in der Sphäre des Staates, bei den öffentlichen Banken und den Aufsehern. Das macht die Suche nach Alternativen nicht leichter.

Ist sie deshalb sinnlos? »Ich finde es sehr gut, wenn Studenten heute wieder Marx lesen«, sagt Harald Hagemann. Ein Ökonom. Er ist Professor für Wirtschaftstheorie an der Universität Hohenheim. Nach seiner Ansicht hat lange ein allzu konformes Denken die wirtschaftspolitische Diskussion bestimmt. Jetzt, hofft er, sei es möglich, wieder Kritik und Anregungen unterschiedlichster Quellen aufzunehmen. Auch von Marx könne man lernen, sagt der Wirtschaftswissenschaftler. Zumindest, wenn man die Debatte nicht ausblende, die sich nach dessen Lebzeiten ja fortgesetzt habe. Heute sei etwa John Maynard Keynes, der im Todesjahr von Marx geborene britische Ökonom, relevanter als der Autor des Kapitals.

Mehr Freiraum für das Denken fordert Hagemann. Nicht die Revolution und auch nicht die Suche nach einer neuen Ideologie, die man bloß an die Stelle des übertriebenen Marktglaubens setzt. »Alle Denkschulen«, warnt der Theorie-Experte, »scheitern, wenn die Orthodoxen kommen und einen Heiligen Gral daraus machen.«

 

 

 
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